So schnell kann’s gehen

Einen Tag gehe ich beim Gasssigehen in den zugewachsenen Waldweg, der zu meiner diesjährigen Insekten-Lieblingsfundstelle führt. Auf dem Weg dorthin, direkt nachdem ich in den Wald gehe, liegt linker Hand ein kleines, recht altes Stück Totholz das immer wieder gut für Schleimpilzfunde ist. Diesmal entdeckte ich einen winzigen kleinen roten Fleck, der mich magisch anzog. Und aus der Nähe bot sich mir dann dieses Bild:

Ein kleine Ansammlung mit zwei unterschiedlichen Schleimpilzen. Diese winzig kleine Ansammlung roter Fruchtkörper konnte ich bisher nicht bestimmen. Die ganze Ansammlung maß ca. 1-1,5 cm! Das andere dürfte ein Glänzendes Fadenkeulchen (Sternonitopsis typhina) sein. Beides tolle Schleimpilz-Funde, die ich unglaublich gern die folgenden Tage begleitet hätte, um ihre Entwicklung zu dokumentieren.

Aber dann, zwei Tage später das:

Gefühlt wurde der halbe Wald mit Karacho abgeholzt und welcher Ort wurde für das große Zwischen-Holzlager gewählt, ganz genau, links und rechts des Wegs, wo auch mein schönes altes Totholz lag und auch viele spannende Insekten im und am Wegesrandgrün zu bewundern waren. Jetzt ist alles platt und tot für längere Zeit. Ein mittelgroßer Schock, erst recht da die komplettte Zuwegung und der Waldweg extrem verbreitert und plattgewalzt wurden. Es gibt jetzt Kreuzungen im Wald, wo es bisher nur Wald gab, alle Insekten am Wegesrand sind futsch, und der Wald/Waldboden/Fauna wird brauchen, um sich wieder zu erholen. Heute früh beim Gassigang sah ich dann, dass sie immer noch am Stapeln sind und die Polter noch bedeutend größer und breiter werden. Hach ja.

Zweimal besonders

Letzte Woche erregte beim Gassigang ein strahlendes weißes Flausch meine Aufmerksamkeit. Es fraß in Blickhöhe an einem Blatt und war vielleicht 3,5-4 cm lang. Ich habe keine Ahnung, um was es sich handelt und würde mich freuen, wenn jemand von euch es mir sagen kann.

Und dann gab es noch diesen winzigen Flusenschiss auf einem Blatt. Moment mal, hat sich dieser ca. 3 mm große Fleck etwa bewegt? Jawohl, es bewegte sich und zwar recht schnell als ich anfing, mich zu ihm runterzubeugen. Aufgrund seiner Größe, Struktur und plötzlichen „Geschwindigkeit“ habe ich nur unscharfe Fotos zustande gebracht. Man muss sehr genau hinschauen, aber dann schält sich langsam ein Vorne mit Kopf und Augen heraus.

Es handelt sich um einen Ameisenlöwen! Ein sehr kleiner Löwe, in der Tat. Die Bezeichnung kommt daher, dass die Larven sich nicht nur von Blattläusen ernähren, sondern sich deren ausgesogene Hüllen auf ihrem Rücken verfangen und haften bleiben, was zu ihrem sehr ungewöhnlichem Aussehen und einer sehr guten Tarnung führt. Passend hierzu kann ich endlich mein Foto von der Gemeinen Florfliege (Chrysoperla carnea) zeigen, welches ich vor längerer Zeit auf dem Balkon geschossen habe.

Ah, Exuvien

Zu Beginn war ich noch recht ratlos, um was es sich genau handelt, wenn sich der Gedanke an Überreste von Wanzen auch aufdrängte. Dann entdeckte ich noch eine und wieder eine und kam über Umwege zu ihrer richtigen Bezeichnung: Exuvie.

Exuvie ist ein neues Wort für mich, welches die abgestreifte Haut nach der Häutung bezeichnet. Es ist immer wieder erstaunlich was für Funde man in der Natur machen kann, wenn man genauer hinschaut. Gestern sah ich zuerst die noch sehr platte Larve einer Grüne Stinkwanze (Palomena prasina) und wunderte mich ein wenig. Ein Blatt darunter sah ich dann die Exuvie. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen diesen beiden kann es aber natürlich nicht mit Gewissheit sagen. Leider scheiterte der Versuch, die Exuvie mitzunehmen, da ich gegen ein anderes Blatt kam und sie ins Gras fiel.

Die beiden folgenden Funde machte ich im Juli und sie haben mich so richtig auf den Geschmack gebracht. Im Wald und an den Wegesränder existiert ja seit Wochen ein reger Wanzen-Kindergarten, überwiegend natürlich Grüne Stinkwanzen Larven, aber auch welche von Schildwanzen und Glasflügelwanzen. Deren Exuvien sind aber wirklich selten zu entdecken. Die Überreste sind recht klein und Regen und Wind lassen sie verschwinden.

Da wir schon bei solch verrückten Dingen sind gibt es noch ein Fund aus dem Garten vom letzten Jahr. Zu viele Beine sage ich nur. Ich sehe oben eine Wanzenlarve mit gepunkteten Beinen, werde aber nicht recht schlau aus dem Bild. Es sei denn sie ist auf/in einer Exuvie einer größeren Wanze (?). Allemal spannend.

Im gelben Pelz

Denkt man an eine Dungfliege (Scathophagidae) denkt man nicht unbedingt an etwas Schönes. Betrachte ich allerdings das folgende Foto einer Dungfliege, dann empfinde ich sie als schön.

Bei dieser Gelben Dungfliege (Scathophaga stercoraria) handelt es sich um ein Männchen, diese sind dicht pelzig goldgelb behaart. Sie haben eine Größe von 6-12 mm sind also mit dem bloßen Auge erkennbar, wenn natürlich auch nicht in diesen Einzelheiten.

Diese Fliegen saugen an Blüten, aber auch Insekten, wie man auf dem folgenden Bild sehen kann. Dass ich relativ kleine Insekten bei der Nahrungsaufnahme fotografierte, zeigt sich zumeist erst am Rechner und gehört zu den späten Freuden. Hier hatte ich schon eine Ahnung, dass es mit irgendetwas beschäftigt ist. Mit ihrer Beute beschäftigte Insekten lassen sich meist weniger schnell von mir vertreiben, da sie von der Beute nicht ablassen, aber auch nicht immer mit dieser Beute wegfliegen können. Bei der rechten Dungfliege handelt es sich möglicherweise um eine Scathophaga suilla. Sie ist mit 5-8,5 mm bedeutend kleiner als die Gelbe Dungfliege. Diese Zartheit sieht man ihr im Vergleich auch an.

Beeindruckende Puppen

Es gibt naturfunde, die mich noch ein bisschen nachhaltiger begeistern als andere. Etwas für die meisten Menschen völlig Unspektakuläres habe ich letztes Jahr das erste Mal und dieses Jahr mit ein bisschen mehr „Augen auf“ wieder entdecken können: Puppen von Schildkäfern (Cassidinae).

Ich entdeckte sie auf den Blättern von Disteln. Im Jahr 2020 habe ich die bisher einzige Schildkäferlarve fotografieren können und auch mein einziges unscharfes Schildkäferfoto. Aber immerhin. Wie gesagt, sehe ich sie hier sehr selten obwohl ich meine Augen wirklich offen halte. Es kann daran liegen, dass die Disteln, auf denen ich die Puppen entdecke zu früh im Rahmen der Ernte auf den angrenzenden Ackern abgemäht werden, denn dann sind leider auch alle Pflanzen am Wegesrand futsch. Nächstes Jahr weite ich meine Suche aus, dieses Jahr hat mein Knie die Insektensaison erstmal für beendet erklärt.

Unabhängig von der möglichen Seltenheit sind die Puppen an der Pflanze deshalb schwer auszumachen, weil sie aussehen wie ein flacher, nur wenige Millimeter langer, schwarzer Fleck. Das kann man anhand der Fotos überhaupt nicht nachvollziehen (wie so oft muss ich mir vor Ort wieder ins Gedächtnis rufen, die Fundsituation im Größeren zu dokumentieren).

Schildkäfer gehören zur Familie der Blattkäfer (Chrysomelidae). Ihre Entwicklung bietet noch ein weiteres spannendes Detail. Die Larven bilden einen interessanten Schutz, indem sie sich mit ihrem Kot maskieren. Eine solche nach dem Häuten verbliebene Hülle nebst Kotmaske konnte ich dieses Jahr aufnehmen. Das sind die Dinge, die ich so spannend finde, denn so etwas ist immer ein Glückstreffer, der nächste Wind oder Regen spült es spätestens vom Blatt auf den Boden. Sollte jemand einen tieferen Blick auf die Schildkäfer und ihr Leben in Bild und Text werfen wollen, findet auf Kerbtier einen ganz aktuellen, leidenschaftlichen Bericht von jemandem, der sie bewusst ein Jahr beobachtet und sogar im Kühlschrank überwintern lassen hat.