Kleinstkunstbauwerke

Mit dem Herbst kommt die Zeit der Galläpfel, die man beim Spaziergang zumeist auf Eichenblättern auf dem herbstlichen Laubboden entdecken kann. Da ist jetzt die richtige Zeit, um mich in einem ersten Beitrag diesen Kleinstbauwerken an Pflanzen zu widmen. Dieser entzückende Gallapfel auf einem Eichenblatt entdeckte ich letzte Woche und er war Grund genug, ins Archiv 2020 einzutauchen. Es könnte sich um die Galle einer Gestreiften Eichengallwespe (Cynips longiventris) handeln.  

Meine Leidenschaft für Merkwürdigkeiten hat mich schon das ganze Jahr Vieles aufnehmen lassen, was Pflanzengallen sein könnten. Es ist (natürlich) wieder mal eine Wissenschaft für sich und ich stehe (wie immer) vor einem riesigen Berg an neuen Erkenntnissen und einer unglaublicher Naturvielfalt. Die beiden folgenden Fotos zeigen eine Rosengalle der Gemeinen Rosengallwespe (Diplolepis rosae).

Ja, sie sind äußerst vielseitig und faszinierend, die Pflanzengallen (Cecidien). Ich sage nach diesem Jahr: Alles was komisch aussieht ist wohl eine Pflanzengalle. Eine der Beschäftigung mit Pilzen ähnliche Erkenntnis, dort betrifft es lebendes oder totes Holz. Hier eine große Anzahl an Pflanzen und unterschiedliche Tiere, die Gallen bauen lassen. Die leuchtenden roten Knöpfe auf dem folgenden Bild hat die Espengallmücke (Harmandiola tremulae) verursacht. Die kunstvollen Wucherungen rechts stammen eventuell vom Eschenblattfloh (Psyllopsis fraxini).

Aber was sind Pflanzengallen eigentlich? Sie sind ein atypisches Pflanzenwachstum, welches entweder durch ein parasitäres Tier oder auch eine Pflanze hervorgerufen wird, d.h. der Parasit „fremd“steuert das Gallenwachstum der Pflanze. Heraus kommen die vielfältigsten Farben und Formen. Dieses Fremdsteuern erinnert mich sofort an den Fliegentöter-Pilz, der die arme Fliege fremdsteuert und sie zu einem erhöhtem Platz fliegen lässt, damit er seine Sporen möglichst weit verteilen kann. Bei den Pflanzengallen bringt umgekehrt ein Insekt die Pflanze dazu, ein ihr völlig untypisches Wachstum zu betreiben. Zumeist schadet dies allerdings der Pflanze wohl nicht. Genial oder?

Es ist auch hier wie bei den (kleineren) Pilzen. Man muss ab und an in Ruhe verharren, dann fallen sie einem auf. Ansonsten geht man einfach dran vorbei. So auch an diesen schönen rosafarbenen Randverwachsungen, die ich noch nicht bestimmt habe, wenn ich es auch zwischenzeitlich dachte (Puh!). Sie sind aber zu schön, um sie hier wieder zu entfernen.

Die hellgrünen Kugeln auf dem folgenden Bild sind von der Ahorngallwespe (Pediaspis aceris). Die kunstvolle Galle rechts könnte ganz eventuell von der Gallwespe cynips cornifex (Hartig, 1843) hervorgerufen worden sein. Die hat mich bei der Bestimmung wirklich Nerven gekostet. Die Form ist sehr speziell und besonders, aber im Netz fast nicht zu finden. Sie war in diesem Frühjahr die erste von mir fotografierte Galle, hat mich weiter die Augen aufhalten lassen und jetzt im Herbst geht es los mit der Recherche. 

Wer noch nicht genug hat, sich aus anderen Gründen in das Thema weiter vertiefen will oder dringenden Bestimmungsbedarf hat, dem sei die Seite pflanzengallen.de ans Herz gelegt. Aber Vorsicht: es ist zum Verrücktwerden. Eine schier endlose Fülle an unterschiedlichen Gallenerzeugern und Pflanzen, auf und mit denen sie erzeugt werden.

5 Gedanken zu “Kleinstkunstbauwerke

    • Das finde ich ja toll, dass du ihnen auch einen Beitrag gewidmet hast. Ich entdecke sie ja gerade erst und freue mich schon auf nächstes Jahr. Ja, zum Glück kann man so viel Schönheit im Kleinen entdecken. So muss man gar nicht weit gehen oder fahren, man muss nur seinen Geist öffnen und sich Zeit nehmen.

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  1. Ich habe ja auch schon ein paar putzige Gallen gefunden, aber was du hier zeigst ist großes Gallen-Kino 🙂 Irre, was für dolle Formen und Muster. Die Galle vom Eschenblattfloh ist mein Favorit. Wow. Daß du so viele gefunden hast! Sind dir die alle vor die Füße gefallen oder hast du dananch gesucht? Die Seite habe ich mir noch nicht angesehen, aber ich kann mir bestens vorstellen, daß es ähnlich vielfältig ist, wie bei den Pilzen. Hm, daß ist jetzt Haarspalterei, aber ich überlege die ganze Zeit, ob man bei den Gallen fremdsteuern sagen kann. Mir kommt es so vor, als wäre das beim Pilz mehr Vorsatz, während es beim Pflanzenwachstum quasi außer Kontrolle gerät. Aber ich sag ja, Haarspalterei und ob man das wirklich so sagen kann…Auf jeden Fall höchst spannend, was dabei für Formen entstehen (und Farben!).

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    • Nachdem ich ein paar interessante Gallen gefunden hatte, die ich damals noch nicht als Gallen bestimmt hatte, habe ich immer mal Ausschau gehalten. Sie sind tatsächlich recht leicht zu entdecken, wenn man erstmal richtig schaut 🙂 Ich habe nichts gegen deine Haarspalterei (du darfst das), da kann ja neues Verständnis bei rauskommen. Ich habe allerdings einen Beitrag gelesen, der mich genau zu der Formulierung brachte. Den finde ich aber gerade nicht wieder. Das ist ja manchmal zum verrückt werden. Es ist aber schon Vorsatz, dass die Pflanze genau das tut, was zB die Gallmücke oder -wespe braucht. Ich werde noch mehr Hintergrundinfos parat haben, wenn die Fortführung kommt. Der Eschenblattfloh und seine Baukunst ist auch mein Favorit.

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      • Vielleicht komme ich drauf, daß ich in früheren Artikeln oft gelesen habe, daß das Wachstum der Pflanze „außer Kontrolle“ gerät, was natürlich auch schon wieder widersprüchlich ist 😉 Wobei es mit anderen Worten beschrieben war. Vermutlich hast du Recht, daß die Insekten das bekommen, was sie wollen, wenn die Pflanzen so angezapft werden. Bin gespannt, was du noch so zeigen wirst 🙂

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